Aktuelle politische Geschehnisse

Nach dem Bericht über das Seminar möchte ich noch ein Wenig über die Geschichte und die politische Lage teilen, die ich auf dem Seminar mitbekommen habe.

Der kleine Ort in dem wir waren, ist ein Teil der Vojvodina, einer autonomen Provinz im Norden der Republik Serbien, mit der Hauptstadt Novi Sad. Die Region war lange Zeit Teil des Königreichs Ungarn, beziehungsweise Teil der Habsburgermonarchie. Bis zum Ende des ersten Weltkriegs gehörte die Provinz zu Österreich-Ungarn. Den Einfluss vorallem von Ungarn lässt sich zum einen in der Architektur erkennen, da diese im klassisch ungarischen Stil ist. Unter anderem aber auch an der Bevölkerung, da ungarische Menschen die größte Minderheit darstellen und dementsprechend auch an Straßenschildern, die in serbisch (kyrillisch), serbisch (latein) und ungarisch beschriftet sind.

Novi Sad ist die 2. größte Stadt in Serbien, mit ca 300.000 Einwohner*innen. Sie war 2022 „Europäische Kulturhauptstadt“, wobei das wohl kaum der Grund ist, wieso die Stadt vor allem im letzten Jahr so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen hat.

Freitag, 01.11.2024. Eine schreckliche Nachricht verbreitet sich, findet auch den Weg zu uns, nach Westeuropa.

Das massive Bahnhofsvordach des damals erst kürzlich komplett renovierten Bahnhofs von Novi Sad stürzt ein. Es begräbt 16 Menschen unter sich.

(Das Bild hier habe ich selber in Novi Sad aufgenommen, es ist also keine 2 Wochen alt (Stand: 24.02.26). Der Bahnhof wird seit dem Unglück nicht mehr genutzt, es ist natürlich auch eine Sicherheitsfrage. Dennoch ist die ganze Atmosphäre vor Ort absolut erdrückend. Hinter einem fahren ganz normal die Busse am Busbahnhof, aber direkt vor dem eigentlichen Zugbahnhofsgebäude scheint die Zeit still zu stehen. Die verbliebenen Trümmer und das Gebäude an sich erinnern, ebenso wie die angehaltene Uhr neben dem Bahnhof an den Einsturz.)

In der Folge kommt es zu Messenprotesten. Angeführt von Studierenden. In ganz Serbien, vor allem aber in Belgrad und Novi Sad. Symbole der Protestierenden wird der Slogan „Korruption tötet!“, rote Farbe und die rote Hand.

Die Demonstrierenden werfen der Politik vor, Schuld an disem Unglück zu sein. Der konkrete Vorwurf: Korruption.

Dass Serbien vor allem auf politischer Ebene deutliche Korruption erleidet ist schon lange kein Geheimnis mehr. Doch seit dem Ereignis vor ca. 1 1/2 Jahren möchte die jetztige Generation aktiv dagegen vorgehen. Sie wehren sich gegen die aktuelle Lage und haben die Vision einer besseren, demokratischeren Zukunft. Tatsächlich geht die Protestwelle auch immer noch weiter, ihr Höhepunkt war wohl direkt nach dem Unglück und am 1. Jahrestag.

Wir hatten das Glück uns auf dem Seminar Novi Sad anzuschauen und vor Ort auch mit Beteiligten der Studierendenproteste zu sprechen und uns auszutauschen, was definitiv unfassbar spannend war.

Ein weiteres Ereignis, welches viele Menschen erschütterte, war der 12.02.2026. Diesmal ein Donnerstag, in Sarajevo. Eine Straßenbahn, die viel zu schnell unterwegs war entgleist in einer Kurve und tötet einen jungen Studenten aus Brčko., der an der Haltestelle stand.

Viele Menschen hier kannten ihn. Er war Kunststudent in Sarajevo und für seine Kunstwerke schon jetzt bekannt.

In der Folge auch hier: Massenproteste in der Hauptstadt. Die Menschen fordern mehr Transparenz. Wie konnte es zu diesem Unfall kommen? Ihre Antwort lautet ganz klar: fehlende Sicherheitsmaßnahmen, zu wenig Geld in die Sicherheit investiert, auch hier ein großes Problem, die Korruption.

Die Bahn soll viel zu alt gewesen und seit 40 Jahren nicht mehr auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft worden sein. Auch hier sind die Menschen, vor allem die junge Generation, so langsam sehr wütend. Auf die Politik. Auf die offensichtliche Korruption. Und wie alle nur Wegschauen.

Bei den Protesten in Sarajevo konnte ich einige Symbole der Studierendenproteste aus Belgrad erkennen.

Ich bin sehr gespannt, ob sich die Welle der Proteste von Serbien auch hier nach Bosnien langfristig ausbreitet. Ich würde es mir wünschen. Dass die Jugendlichen etwas dafür machen um von der Politik gesehen zu werden. Um sich vielleicht irgendwann doch eine Zukunft hier vorstellen zu können.

Für mehr und detailliertere Infos gerne mich fragen, ansonsten kann ich folgende Websites empfehlen:

European Western Balkans (Proteste Sarajevo)

Radio Free Europe/ Radio Liberty (Studierendenproteste in Novi Sad (1 Jahr alt))

European Western Balkans (Proteste in Serbien (aktuellerer Bericht))